Garten am Alpenrand: Apfelfülle, Apfelvielfalt

Berner RosenapfelIm Schlafzimmer duftet es nach Quitten, im Keller ganz wunderbar nach Äpfeln. Der Schöne von Wiltshire und Prinz Albrecht von Preußen ließen heuer früher als gewohnt die ersten Früchte fallen, aber noch hängen zahlreiche Äpfel am Baum. Geheimrat von Oldenburg wird erst jetzt erntereif. Die Apfelernte fällt heuer überreich aus, obwohl ich den Behang stark ausgedünnt habe.

 

Sechs Apfelsorten wachsen in meinem Garten. Das ist eine ganze Menge, aber sehr wenig im Vergleich zur früheren Vielfalt der Obstsorten. Vor einigen Jahren wurden im Allgäu vom Lech bis zum Bodensee alte Apfel- und Birnensorten kartiert. Das erstaunliche Ergebnis: in Hausgärten und auf Streuobstwiesen fanden Obstkenner 181 Apfel- und 81 Birnensorten. Mit dieser Vielfalt hatte niemand gerechnet, vor allem nicht in einer Region, die aufgrund des rauen Klimas nicht gerade günstig für den Obstbau ist. Allerdings waren von 84 Apfel- und 42 Birnensorten keine Namen mehr bekannt. Auch Pomologen, also Apfel-Sachverständige, konnten viele nicht mehr identifizieren. „Der Großvater hat das noch gewusst“, erzählte auch der Vorbesitzer meines Gartens. Aber innerhalb von zwei Generationen ist das Wissen um die Vielfalt der Obstbäume – wie überhaupt enorm viel Wissen um den Garten – verlorengegangen. Seit es Obst und Gemüse im Supermarkt gibt, besteht keine Notwendigkeit mehr, sich mühsam selbst um diese Lebensmittel zu kümmern. Andere Freizeitbeschäftigungen sind wichtiger geworden.

 

Erst allmählich setzt ein Umdenken ein, alte Gemüsesorten werden wiederentdeckt. Und es gibt zahlreiche Initiativen, die alten Obstsorten zu identifizieren und zu erhalten, zum Beispiel in einem Sortenerhaltungsgarten in der Versuchsstation für Obstbau bei Lindau. Freilich sind alte Sorten nicht automatisch besonders gut, nur weil sie alt sind. Mein „Geheimrat von Oldenburg“ ist im Geschmack eher langweilig, aber eine gute Befruchter-Sorte und gut geeignet als winterlicher Bratapfel. Es geht darum, das Genpotential der alten Sorten zu erhalten, denn sie sind an das regionale Klima angepasst und oft resistent gegen Krankheiten, gegen die neue Züchtungen gespritzt werden müssen. Dafür können neue Sorten oft besser transportiert und gelagert werden und sie tragen regelmäßig. Für den Handel und den Erwerbsobstbau sind solche Eigenschaften ebenso wichtig wie das makellos gute Aussehen. Und angeblich mag der Verbraucher vorwiegend süße, knackige Äpfel, so das Zuchtziel der letzten Jahre. Ich finde die meisten Supermarkt-Äpfel langweilig. Schließlich schmeckt ein Apfelstrudel nur mit einem mürben, säuerlichen Apfel wirklich gut – z. B. mit meinem „Roten Boskop“ und dem „Prinz Albrecht“ – und ein aromatischer „Schöner von Wiltshire“ ist zum Reinbeißen fein. Vom „Jakob Fischer“, meiner frühen, längst abgeernteten Sorte, schmeckt das Apfelmus besonders gut.

Prinz Albrecht von Preußen

10 Jahre Garten am Alpenrand: Alter Adel bei den Äpfeln

Es summt im Apfelbaum

Am Morgen bleibe ich unter dem Apfelbaum stehen: von oben ein Konzert aus Summ-, Brumm- und Schwirr-Tönen. Vor allem Bienen fliegen eifrig von Blüte zu Blüte. Das verspricht eine gute Ernte im Gegensatz zum Vorjahr, als der Frost die Blüten erfrieren und die Bienen im Bienenhaus bleiben ließ. Aber erst mal die Eisheiligen abwarten. Die Obstbäume stehen jetzt in voller Blüte. Den Anfang machten die Birnen, dicht gefolgt von den Kirschen. Bei Zwetschgen und Mirabelle fallen die Blüten zwischen den zarten Blättern nicht so auf, aber die Apfelbäume sind eine Pracht. – Vor zehn Jahren standen im ziemlich kahlen Garten eine Zwetschge und zwei kleine Apfelbäume, Sorte unbekannt. Zum Glück feierte ein Gartenbauverein am Bodensee im Herbst sein Jubiläum mit einer Apfelschau und der Möglichkeit, unbekannte Äpfel von Pomologen bestimmen zu lassen. Meine Äpfel stellten die kundigen alten Herren vor ein Rätsel, das sich erst löste, als ich erwähnte, dass die Bäume auf 850 Meter Höhe stehen. Die Äpfel waren deshalb kleiner und später gereift als im Obstbauklima am Bodensee. Jetzt erfuhr ich verblüfft, dass ich alten Adel im Garten habe: „Prinz Albrecht von Preußen“ und „Geheimrat von Oldenburg“ fühlen sich am bayerischen Alpenrand wohl. Der „Geheimrat“ ist allerdings mit dem Blühen und Fruchten immer etwas später dran, auch heuer lässt er sich noch Zeit. Immerhin hat es bisher mit der gegenseitigen Befruchtung geklappt. – Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich von alten Obstsorten wenig Ahnung. Ich staunte über die Apfelschau mit einer Fülle von Sorten, deren Namen ich noch nie gehört hatte und die nie in einem Supermarkt zu sehen sind. Aber meine Neugier war geweckt und ich nutzte die Gelegenheit zu fragen, welche weitere Sorte zu meinen „Nordlichtern“ passen würde. Ein „Doppelprinz“ wurde mir empfohlen und dazu eine Obstbaumschule in der Nähe, in der alte Obstsorten im passenden Klima aufwachsen dürfen. Ein „Doppelprinz“ war gerade nicht vorrätig, aber ein „Schöner von Wiltshire“ würde auch passen und sei mit seinem weinwürzigen Aroma ein ganz besonderer Apfel, meinte der Besitzer. Er hatte recht, auch wenn ich mehrere Jahre auf den Genuss warten musste. Der Garten bot noch ausreichend Platz für einen Halbstamm, der gerade so ins Auto passte. Der nächste Apfelbaum bezauberte mich mit seinem Namen und der weinroten Farbe der Früchte, der „Berner Rosenapfel“. Aus praktischen Gründen folgte ein „Roter Boskop“: ich brauchte einen lagerfähigen Apfel für Kuchen und Apfelstrudel. Dafür eignet sich auch der „Prinz Albrecht“, aber ab Januar verliert er an Geschmack. Jetzt fehlte mir noch eine frühe Sorte, um das Apfeljahr abzurunden. Den „Klarapfel“ kenne ich aus der Kinderzeit, aber die Sorte ist in einem Feuerbrand-gefährdeten Gebiet nicht zu empfehlen. So kam vor zwei oder drei Jahren der im bayerischen Alpenraum altbewährte „Jakob Fischer“ in meinen Garten, der heuer zu meiner Freude zum ersten Mal kräftig blüht. Ich bin schon sooo neugierig auf den Geschmack der Äpfel. 29. 4. 2018