Wandern und Schauen: Durch den Hölltobel nach Gerstruben

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Im senkrechten Fels öffnet sich ein enger, schwarzer Spalt, aus dem lärmend das Wasser springt. Das Auge kann die Finsternis nicht durchdringen. Kein Wunder, dass abergläubische Vorfahren hier einen Höllenschlund sahen. Auch ein Krimi ist hier angesiedelt (Peter Novotny: Höllenschlucht). Der Hölltobel gibt sein Geheimnis erst beim Höhersteigen preis: in der engen Schlucht stürzt das Wasser in einer Abfolge donnernder Wasserfälle in die Tiefe. Mehrere Aussichtsstege über dem Wasser geben den Blick nach oben und unten frei.

 

Hund Airy hat keine Angst vor dem Tosenden Wasser. Der teilweise steinige und steile Weg führt neben der engen Schlucht durch den Bergwald. Die Blütenpracht des Sommers ist vorbei, dafür verwöhnen uns Wald und Sonne mit leuchtenden Herbstfarben.

 

Unsere Wanderung beginnt in Oberstdorf an der Trettachbrücke neben dem Kraftwerkhaus. An der Trettach, einem der drei Quellflüsse der Iller, führt der Weg zunächst nahezu eben ins autofreie Bergtal, immer mit Blick auf die Trettachspitze, die aufgrund ihrer markanten Form auch Allgäuer Matterhorn genannt wird. Gelegentlich säumen ein Bauernhof oder eine Ausflugswirtschaft den Weg, der gerne von Mountainbikern befahren wird – bis zur nächsten Brücke kann auch der Spazierweg auf der anderen Flussseite benutzt werden.

 

Nach etwa einer Stunde zweigt nach links die Fahrstraße nach Gerstruben ab (für den öffentlichen Verkehr gesperrt). Wir bleiben noch kurz im Trettachtal bis zur Abzweigung in den Hölltobel. Jetzt begleitet uns der immer wilder werdende Dietersbach und es geht teilweise steil aufwärts, immer wieder mit spektakulären Einblicken in den Hölltobel. Wenn der Weg auf die Straße trifft, sind wir fast am Ziel: Vor uns liegt ein nahezu ebenes, lichtes Hochtal mit Bergweiden, gesäumt von den steilen Hängen der Höfats und im Hintergrund den langgestreckten Graten von Rauheck, Kreuzeck und Bettlerrücken.

 

Das malerische Bergdorf Gestruben mit seiner Kapelle zählt zu den beliebtesten Fotomotiven rund um Oberstdorf. 400 Jahre alt sind die wettergegerbten, dunklen Holzhäuser in Blockbauweise. Üppiger Blumenschmuck, ein Bauerngarten und Rosen vor der Kirche lassen das Bergdorf lebendig erscheinen, aber nur die Gastwirtschaft ist noch ganzjährig bewohnt. 1892 wollte eine Kapitalgesellschaft den Dietersbach zur Elektrizitäts-Gewinnung aufstauen und kaufte die Bauernanwesen auf. Zum Glück wurde der Plan nicht verwirklicht. Heute pflegt der Verein der ehemaligen Rechtler liebevoll die historischen Häuser, ein Anwesen wurde als Museum eingerichtet und gibt Einblick ins harte, karge Leben auf 1150 Meter Höhe (einmal in der Woche geöffnet, bzw. wenn jemand vom Verein oben ist). Auch die historische Einblatt-Säge am Dietersbach wurde sachgemäß restauriert.

 

Zurück wählen wir den Rautweg. Auf einem nassen, drahtseilgesicherten Pfad geht es hinunter zum Dietersbach (bequemer ist der Weg über die Säge). Nach dem kurzen Wiederaufstieg führt der Weg über die Wiesen und in sanftem Bergab knieschonend durch den Bergwald ins Trettachtal. Von der Einöde Raut ist nur noch ein Stadel erhalten. Im Tal können wir einen Abstecher zum nahen Christlessee machen und gemächlich nach Oberstdorf zurückschlendern.

Airy vor dem historischen Schräghag. Für diesen Zaun braucht es keinen Nagel.

DSC02353Reine Gehzeit gut vier Stunden, Anstieg Oberstdorf – Gerstruben rund 350 Höhenmeter. Mehrere Einkehrmöglichkeiten.

 

 

 

Wandern und Schauen: Exkursion zum Blausee

DSC02264Den Blausee im Oberallgäu kennen nur Eingeweihte. Dort kann niemand baden und kein Wanderweg führt ins Blausee-Moos mit dem auf den ersten Blick unscheinbaren See. Dabei ist der Blausee der einzige Hochmoor-Kolk, also ein Hochmoor-See, im an besonderen Mooren reich gesegneten Allgäu.

 

Im Randbereich färben sich die Pfeifengraswiesen gerade in herbstlich prächtigem Orangerot. Der Teufelsabbiss blüht bis in den Spätherbst, während der Schwalbenwurz-Enzian schon verblüht ist. Die Pflanze und eine Ameisenart sichern das Überleben eines zarten Schmetterlings, des Schwalbenwurzenzian-Ameisen-Bläulings, während der Hochmoor-Gelbling die Rauschbeere als Futterpflanze für die Raupen benötigt. Er ist wie die Arktische Smaragdlibelle ein stark gefährdetes Eiszeitrelikt.

 

Der Landschaftspflegeverband Oberallgäu hat mit Unterstützung der Grundeigentümer und Gemeinden das Blausee-Moos in einer aufwändigen Maßnahme renaturiert und bei einer Exkursion vorgestellt. Drei Dämme sollen das durch früheren Torfabbau verursachte Austrocken des Moor-Sees verhindern und zusammen mit weiteren Maßnahmen den Lebensraum Hochmoor, Kolk und Randbereiche retten. Zunächst fällt allerdings der neu befestigte und mit dunkelgrauem Kies belegte Weg auf, der auch die künftige Pflege erleichtern soll: das Material wurde gewählt, weil es kaum Mineralstoffe an die Umgebung abgibt, so dass die Nährstoffarmut des Moors erhalten bleibt. Im besonders empfindlichen Bereich wurde für die Baufahrzeuge ein breiter Bohlenweg aus Holzstämmen gelegt, von dem bis auf ein Reststück nichts mehr zu sehen ist.

 

Eine besondere technische Herausforderung war der Dammbau auf einer mehrere Meter dicken Torfschicht, also auf nachgiebigem Untergrund. Eine vorgesetzte Spundwand und eine Pfahlbauweise sollen gewährleisten, dass Hochmoor und Moor-See wieder vernässt werden.

 

Rund 400.000 Euro hat das aufwändige Projekt gekostet. Lohnt sich das, fragen Skeptiker. Stefan Pscherer und Leonie Schäfer vom Landschaftspflegeverband weisen darauf hin, dass die Allgäuer Moore für die Artenvielfalt und Arterhaltung nicht nur deutschlandweite, sondern europäische Bedeutung haben. Nicht zu unterschätzen ist auch der Beitrag zum Klimaschutz, denn intakte Moore sind Kohlendioxid-Speicher, während zerfallende, austrocknende Moore große Mengen des klimaschädlichen Stoffes freisetzen.DSC02272

Wandern und Schauen: im Lebensraum der Birkhühner

 

Birkhühner sollen sich wohlfühlen im Gebiet der Sölleralpe bei Oberstdorf. Der Landschaftspflegeverband Oberallgäu will mit einem Projekt den Lebensraum der geschützten und stark gefährdeten Raufußhühner verbessern.

 

Bei einer Exkursion bestaunten wir auch die Fülle der Alpenblumen: von der Arnika (Arnika montana) über die bärtige Glockenblume (Campanula barbata) in blauen und einige weißen Exemplaren bis zur ziestblättrigen Teufelskralle (Pheuthema betonicifolium) gedeiht auf dem Flyschgestein des Fellhorn-Söllereck-Grates eine reichhaltige Alpenflora. Auch das orangerote Habichtskraut (Hieracium auranthiacum), die seltene großblättrige Schafgarbe (Achillea macrophylla) und das einköpfige Ferkelkraut sind zu entdecken. 

DSC01730Birkhühner benötigen ein abwechslungsreiches Gelände mit vielen freien Flächen, aber auch Unterschlupfmöglichkeiten und ein gutes Nahrungsangebot. Eine extensive Beweidung, wie sie mit dem Alpvieh der Sölleralpe stattfindet, trägt dazu bei, diesen Lebensraum zu erhalten. Allerdings finden wir heute die Folgen der vor 50 Jahren stark zurück gegangenen Beweidung: Farn, Grünerlen und Kleinsträucher haben sich ausgebreitet und wachsen auf großen Flächen so dicht, dass die Birkhühner dort keine Jungen mehr aufziehen können. Die Jungvögel brauchen sonnige, insektenreiche Flächen, die älteren Vögel ernähren sich von Knospen, Beeren und jungen Trieben. Es gilt also, den Farn durch Mähen zurückzudrängen und Sträucher so auszulichten, dass genügend Unterschlupf und Nahrungsangebot bleiben – im Berggelände eine mühsame und zeitaufwändige Handarbeit.

 

Die vermehrten Freiflächen kommen nicht nur den geschützten Birkhühnern zugute: hier finden sich die prächtigen Alpenblumen, die uns Wanderern gefallen und Schmetterlingen und Insekten wie dem Hochmoorgelbling und der alpinen Gebirgsschrecke Lebensraum bieten.

 

Und auch die vierbeinigen Landschaftspfleger, die Kühe der Sennalpe unter dem Söllereck, finden die kräftigen Bergkräuter, die Milch und Käse den besonderen Geschmack verleihen.

 

Wandern und Schauen: noch einmal Nagelfluh

 

Ein Steingarten zum Staunen: vom Mittag zur Alpe Oberberg 

Vom Mittag, dem Hausberg von Immenstadt im Allgäu, zum Bärenköpfle ist es ein gemütlicher Spaziergang. Wanderer, die die Nagelfluh-Kette überschreiten wollen, eilen schnell vorbei Richtung Steineberg. Wir sind diesmal nicht weit gekommen, weil es auf den Nagelfluh-Felsen am Wegrand viel zu sehen gibt. Die von der Natur geschaffenen Steingärten sind ein kleines Paradies. Da wächst würziger Thymian neben dem gelben Sonnenröschen (Helianthemum nummularium), dessen Knospen nickend herunterhängen, während sich die geöffneten Blüten der Sonne entgegenstrecken. Neben dem Silbermantel mit seinen silbrig glänzenden Blatträndern (wohl Alchemilla nitida, es gibt mehrere ähnliche Arten) streckt der Berg-Baldrian (Valeriana montana) seine schirmförmigen, zarten Blütenstände empor. Dazwischen kann man die kugelige Teufelskralle entdecken, ein Glockenblumen-Gewächs, während die zierliche Zwerg-Glockenblume (Campanula cochleariifolia) sich direkt an den Felsen klammert.

 

Auch heimische Orchideen sind zu entdecken, vereinzelt das Brandknabenkraut (Orchis ustulata) mit seinem fast schwarzen Köpfchen, das Fuchs-Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii) auch in einem fast weißen Exemplar und die grünliche Waldhyazinthe (Platanthera chloranta), neben der ein lebendgebärendes Alpen-Rispengras zu sehen ist. Anstelle von Samen fallen hier schon fertig ausgebildete kleine Pflanzen auf den Boden, die sofort anwachsen können – eine erstaunliche Anpassung an den kurzen alpinen Sommer.

 

Auf einer extensiv bewirtschafteten Bergweide leuchtet der Goldpippau. Auf den artenreichen Weiden grast das Milchvieh der Sennalpe Oberberg. Kenner schätzen neben dem weiten Panoramablick über Allgäuer Alpen und Illertal den würzigen alten Bergkäse, der hier ein bis zwei Jahre lagern darf, um sein volles Aroma zu entwickeln. Mancher staunt über die braunen Alpschweine im Freigehege, eine Kreuzung zweier alter Haustierrassen. Sie werden mit der Molke gefüttert, die beim Käsen anfällt, und entwickeln ein besonders aromatisches Fleisch.

 

Wandern und Schauen im Lebensraum des Apollo-Falters

 

Hilfe für den Apollo-Falter

Um den Lebensraum des Apollo-Falters kümmert sich der Landschaftspflegeverband Oberallgäu-Kempten. Bei einer Wanderung im Gunzesrieder Tal wurde das Projekt vorgestellt. Die Nagelfluhkette zählt zu den letzten Lebensräumen des selten gewordenen Schmetterlings. Nagelfluh, auch „Herrgottsbeton“ genannt, ist ein Molasse-Gestein, das aus Flußkieseln zusammengebacken und im Zuge der Alpenfaltung angehoben wurde. Es bildet den Untergrund für eine besonders reichhaltige Alpenflora, die bei Wanderungen im Naturpark Nagelfluhkette zu finden ist. Zur Zeit blühen heimische Orchideen wie die Fuchs-Fingerwurz (Dactylorhiza fuchsii, früher geflecktes Knabenkraut), die weiße Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) und das rote Waldvögelein (Cephalanthera rubra). Unser Ziel war eine steile, felsdurchsetzte Südwand. Nachdem die Beweidung durch Alpvieh wegen der Steilheit aufgegeben wurde, machten sich Bäume, Sträucher und vor allem der mächtige Adlerfarn breit.

 

Die Raupen des Roten Apollos ernähren sich ausschließlich vom weißen Mauerpfeffer (Sedum album), der auf warmem Gestein wachsen muss, also viel Sonne braucht. Um dem Apollo-Falter mehr Lebensraum zu sichern, müssen Bäume, Sträucher und Adlerfarn durch Schwenden und Mähen zurückgedrängt werden – eine im Steilhang äußerst mühsame Arbeit, die nicht nur dem seltenen Falter, sondern auch zahlreichen zarten Pflanzen zu Gute kommt, die unter dem dichten Farn keine Chance haben. Der Schmetterling ließ sich diesmal nicht blicken, aber wir freuten uns über artenreiche Blumenwiesen im flacheren Bereich mit Margeriten, Klappertopf und Herbstzeitlose, die nach der Blüte im Herbst jetzt Früchte gebildet hat. An freien Stellen im Steilhang ließ sich eine Blütenpracht mit Sonnenröschen, Bergklee, Wundklee, Alpenkreuzblume, Thymian und vielen anderen Bergbewohnern entdecken. 

 

Wandern und Schauen: Andromeda im Moos

 

Weiße Wolken tanzen über den Mooren – im Allgäu sagt man Moos, wie hier im Agathazeller Moos – das Wollgras wiegt sich im Wind. Neben dem einköpfigen, scheidigen Wollgras (Eriophorum vaginatum) steht vereinzelt auch das schmalblättrige (?) Wollgras mit mehreren überhängenden Büscheln. Direkt daneben blüht die Rauschbeere (Vaccinium uliginosum), deren Blätter im Gegensatz zur ähnlichen Heidelbeere einen blaugrünen Ton haben. Leicht zu erkennen ist die Rosmarinheide, die im Aussehen an Rosmarin erinnert und den hübschen Namen Andromeda polifolia trägt. Die kugelrunden Glöckchen sind schon am verblühen, während sich die winzige Moosbeere (Vaccinium oxycoccos) noch mit ihren Blüten schmückt.

 

Der Fieberklee (Menyanthes trifoliata) steht gern im Wasser oder in feuchten Verlandungszonen. Der Name verrät, dass die Pflanze mit den kleeähnlichen Blättern in der Volksmedizin verwendet wurde. Eine altbekannte Heilpflanze ist auch der Baldrian, allerdings nicht der zierliche Sumpfbaldrian (Valeriana dioica), dessen Blütenstände die gleiche typische Form aufweisen wie die größeren Baldrianarten. Wer genau hinschaut, kann männliche und kleinere weibliche Blüten unterscheiden. Ein Spaziergang im Moos hat für mich immer eine beruhigende Wirkung, jetzt im Frühjahr mit den Weiß-, Grün- und Rosatönen und den vielen kleinen Entdeckungen am Wegrand. 16. 5. 2018

 

Wandern und Schauen am sonnigen Südhang

Buschwindröschen und Veilchen

Kürzlich am Nordhang des Grünten waren wir noch mitten im Winter, dagegen lässt sich am sonnigen Südhang des Rottachbergs der Frühling nicht mehr aufhalten. Am Waldrand wetteifern die Buschwindröschen mit den Veilchen. Früher nannten wir alle nicht duftenden Veilchen „Hunds-Veilchen“. Inzwischen weiß ich, dass es noch eine Reihe weiterer Veilchen gibt, aber hier dürften es wirklich Hunds-Veilchen (Viola canina) sein. Ob der Name abwertend gemeint ist, weil sie nicht den verschwenderischen Veilchenduft verströmen? Im feuchten Graben neben dem Weg schieben sich die pfeilförmigen Blätter des Aronstabs heraus. Am trockenen, warmen Hang blühen schon die Erdbeeren und ich entdecke den allerersten Löwenzahn.

Dazwischen überall die unverwüstlichen Gänseblümchen. Um die zarten Blüten-Ähren der Frühlings-Segge (Carex caryophyllea) zu entdecken, muss man genau hinschauen. Der Landwirt war auch schon fleißig und hat einige Pfosten im Weidezaun erneuert. Am Waldrand darf ein alter Baumstamm vermodern und allem, was da „kreucht und fleucht“ Nahrung und Wohnung bieten. 8. 4. 2018