Kaum schmilzt der Schnee, drängen Frühlingskrokus (Gentiana verna) und Soldanellen ans Licht.
Frühlings-Krokus (Crocus vernus = albiflorus)
Und wenige Meter weiter blüht die erste Alpenrose (Rhododendron ferrugineum). Das Spannende an der alpinen Flora ist, dass wir mit wenigen Schritten vom Vorfrühling in Richtung Sommer wandern können, je nach Höhenlage und Sonnen-Exposition, Geländeform und Untergrund.
Rostrote Alpenrose (Rhododendron ferrugineum)
Im Allgäu bewegen wir uns vorwiegend im Kalkgebiet, aber Flyschberge wie das Fellhorn zeigen uns kalkmeidende Pflanzen wie die Rostrote Alpenrose (Rhododendron ferrugineum) mit ihren rostfarbenen Blattunterseiten oder den Stängellosen Enzian (Gentiana acaulis = kochiana), der sich durch die olivgrünen Flecken im Kelch vom kalkliebenden Clusius-Enzian unterscheidet.
Stengelloser Enzian (Gentiana acaulis = kochiana)
Ein paar Eindrücke in der Bildergalerie. Auch Hund Airy hat den Ausflug genossen: er liebt die letzten Schneefelder. 25. 06. 2023
Bergwiese mit Enzian (Gentiana clusii) und Mehlprimeln (Primula farinosa)
Ziemlich durchnässt, aber begeistert sind wir von der Wanderung heimgekommen. An den Nordhängen der Allgäuer Alpen zeigt sich auf etwa 1400 m Höhe der Bergfrühling in voller Pracht. Das leuchtende Blau des Enzians (Gentiana verna und Gentiana clusii) und das zarte Rosa der Mehlprimel (Primula farinosa) begleitet uns fast auf dem gesamten Weg.
Frühlings-Enzian (Gentiana verna)
Die Silberwurz (Dryas octopetala) ist ein Eiszeitrelikt, ihre Blätter finden sich bereits fossil in eiszeitlichen Schichten.
Schnee-Pestwurz (Petasites paradoxus) FruchtstandSchnee-Pestwurz (Petasites paradoxus) als Schutt-Festiger
Die Schnee-Pestwurz (Petasites paradoxus) kann sich mit ihren Wurzeln im rutschenden Geröll von Lawinen- und Wasserrinnen halten und wirkt als wichtiger Schuttfestiger.
Fast hätten wir sie übersehen: die Blütenknospe des Frauenschuhs (Cypripedium calceolus) versteckt sich im dichten Grün des Steilhangs. Und dann steht auch noch eine erste, prächtige Blüte dieser größten heimischen Orchidee vor uns.
Frauenschuh (Cypripedium calceolus)
Und das bleibt nicht der einzige Höhepunkt: winzig, aber wunderschön lacht uns der Bewimperte Mannsschild (Androsace chamaejasme) an. Die Blattrosette zeigt, woher der Name kommt.
Bewimperter Mannsschild (Androsace chamaejasme)
Noch winziger und leicht zu übersehen ist ein Steinbrech im feuchten Schutt, ich halte ihn für den Blaugrünen Steinbrech (Saxifraga caesia).
Feucht mag es auch das Alpen-Fettkraut (Pinguicula alpina), eine „fleischfressende“ Pflanze, die ihren Nährstoffbedarf mit kleinen Insekten aufbessert, die an den Blättern kleben bleiben. Leicht zu übersehen sind auch der Alpenlattich (Homogyne alpina) und der Alpenhelm (Bartsia alpina), der mit seinen an der Spitze dunkelvioletten Blüten und Blättern im hohen Grün verschwindet.
Zu meinen Lieblingen gehört das Steinröschen, auch gestreifter Seidelbast genannt (Daphne striata). Vom in der Regel starken Duft ist diesmal nichts zu spüren. Vielleicht ist die Luft zu feucht. Tatsächlich haben wir mit Schauen und Fotografieren so viel Zeit verbracht, dass uns am Schluss noch der Regen einholt. Aber der stört uns nicht mehr. 01. 06. 2022
Dieses unwahrscheinliche Blau begeistert mich jedes Jahr aufs Neue: an sonnigen Südhängen der Allgäuer Berge blüht der Frühlings-Enzian (Gentiana verna). Auffallend ist dazwischen ein fast farbloses Exemplar.
Auf rund 1600 m Höhe zeigt sich der Bergfrühling auch mit Clusius‘ Enzian (Gentiana clusii) und Berghahnenfuss (Ranunculus montanus).
Das Veilchen am Waldrand zeigt sich mit weißem Sporn als Rivinus‘ Veilchen (Viola riviniana). An den Nordhängen gegenüber sind die Schneefelder nicht zu unterschätzen, auch wenn die fast sommerlichen Temperaturen täglich mehr Stellen ausapern lassen. 17. 05. 2022
Kaum taut der Schnee, öffnen die Soldanellen oder Alpenglöckchen (Soldanella alpina) ihre Blütenköpfe. Die Hummel scheint viel zu schwer für die zarten Glöckchen, aber sie halten der Last stand. Zur Freude von Hund Airy gibt es heuer auf 2000 m Höhe in den Allgäuer Bergen noch etliche Schneefelder in nordseitigen Rinnen und sogar noch in Mulden auf der Südseite, genug zum Toben, Springen und Wälzen für den begeisterten Hund.
Dafür hält er brav still, wenn Frauchen fotografiert: Frühlingsenzian (Gentiana verna), Clusius‘ Enzian (Gentiana clusii) und letzte narzissenblütige Anemonen (Anemone narcissiflora) sind noch Frühlingsboten, während Fruchtstände der Weißen Alpen-Anemone (Pulsatilla alpina) schon den Sommer anzeigen.
Im Allgäu sagt man „Bergmännle“ zu den lustigen Schöpfen, während die mehrblütige Anemone „Berghähnle“ genannt wird. „Bergweible“ gibt es auch, aber die haben wir noch nicht gesehen, es sind die Fruchtstände der Silberwurz.
Bewimperter Mannsschild (Androsace chamaejasme) und Geschnäbeltes Läusekraut (Pedicularis rostrato-capitata)Geschnäbeltes Läusekraut (Pedicularis rotrato-capitata) und Alpen-Aster (Aster alpinus)
Leuchtend violette Farbtupfer setzt das Geschnäbelte Läusekraut (Pedicularis rostrato-capitata) neben dem zierlichen bewimperten Mannsschild (Androsace chamaejasme) und der Alpen-Aster (Aster alpinus). Auch die bewimperte Alpenrose (Rhododendron hirsutum) blüht noch, in Oberbayern als „Almrausch“ bekannt.
Meine besondere Liebe gilt den heimischen Orchideen. Auf der Höhe blühen jetzt die prächtige Kugelorchis (Traunsteinera globosa). Um Weißzüngel (Pseudorchis albida, Syn. Leucorchis a.) und grüne Hohlzunge (Coeloglossum viride) zu entdecken, muss man genau hinschauen.
Unübersehbar sind dagegen die fast schwarzen Punkte des schwarzen Kohlröschens (Nigritella rhellicani). In der Schweiz nennt man sie Männertreu und „Schokoladenblümli“, wer daran riecht, weiß warum. 24. 07. 2021
Ein blauer Fleck am Waldrand macht mich neugierig: Veronica oder Veilchen? Überraschenderweise stehen da Blausternchen (Scilla bifolia). Eine Wild-Population oder Gartenflüchtlinge? Beides ist möglich: weiter nördlich wurden wilde Vorkommen kartiert mit Tendenz zur Ausbreitung nach Süden. Vielleicht sind sie ja wirklich schon bei uns angekommen. Kleine blaue Teppiche bildet gerade auch der feinstielige Ehrenpreis (Veronica filiforma).
Feinstieliger Ehrenpreis (Veronica filiformis)
Ich liebe die zarte Veronica in allen Variationen. An schattigen Stellen setzt auch das üppig blühende Busch-Windröschen noch weiße Akzente.
Busch-Windröschen (Anemone nemorosa)
Seggen und Simsen übersieht man leicht, vor allem die winzigen Frühjahrsblüher, die sich kaum zehn Zentimeter hoch im alten Gras verstecken.
Die Feld-Hainsimse (Luzula campestris) und die Frühlingssegge (Carex caryophyllea) – danke Arthur Händler und der botanischen Bestimmungsgruppe für die Bestätigungen – sind das Hinschauen wert. Auch den Wald-Gelbstern (Gagea lutea) entdeckt nur, wer zur richtigen Zeit da ist. Wenig später verschwindet er im hohen Gras.
In meiner Kinderzeit in Oberbayern gab es Auwälder voll von Gelbsternen. Heute bin ich froh, wenn ich ein paar einzelne finde. Dagegen ist der Löwenzahn (Taraxacum officinale) im Allgäu unübersehbar. An sonnigen Südhängen beginnt er gerade zu blühen und das frische Grün zeigt, dass auch das Gras, das Viehfutter, schon austreibt: „Ab Georgi geht man nicht mehr über die Wiesen“, der Spruch aus der Kinderzeit gilt auch heute noch. 25. 04. 2021
Akelei habe ich in verschiedenen Farbtönen im Garten – aber die nahezu schwarze Akelei (Aquilegia atrata) fehlt. Beim Wandern in Allgäuer Bergtälern kann man ihre aparte Schönheit jetzt entdecken – und noch viel mehr. Allein sieben Orchideenarten habe ich kürzlich auf einem Berg-Spaziergang gefunden: Das männliche Knabenkraut (Orchis mascula) und das schwertblättrige Waldvögelein (Cephalanthera longifolia) sind fast verblüht, eine Stendelwurz (Epipactis, wohl atrorubens) schiebt sich gerade kraftvoll aus der Erde, hier schon ein Vorbote des Sommers.
An einer feuchten Stelle blüht das Fettkraut (Pinguicula vulgaris). Beim genauen Hinschauen sieht man auf den Blättern schwarze Punkte, Überreste kleiner Insekten, aus denen die fleischfressende Pflanze ihr Eiweiß bezieht – eine Anpassung an den oft kargen Boden.
Fettkraut, Pinguicula vulgaris
Stendelwurz, Epipactis sp.
Auch die Simsenlilie (Tofielda caliculata) liebt feuchten Boden. Dagegen mag es die Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria) eher trocken und warm, ihre Blätter gaben dem Schwalbenwurz-Enzian seinen Namen.
Simsenlilie, Tofielda calyculata
Schwalbenwurz, Vincetoxicum hirundinaria
In kräftigem Rosa strahlt die Alpen-Heckenrose (Rosa pendulina), die fast ohne Stacheln auskommt. 03. 06. 2020
Mal schauen, ob sich schon etwas zeigt: unsere Erwartungen waren nicht hoch und wurden weit übertroffen: in den Allgäuer Bergtälern, wo sonst Ende April oft noch Schnee liegt, zeigt sich der Bergfrühling heuer schon in schönster Pracht. Jedes Jahr von Neuem bezaubern die wunderbaren Blautöne von Frühlingsenzian (Gentiana verna) und Clusius-Enzian (Gentiana Clusii).
Frühlings-Enzian, Gentiana verna
Clusius-Enzian, Gentiana clusii
Dazu harmonieren die zarten Rosa-Töne der Mehlprimel (Primula farinosa). Dazwischen leuchten in kräftigem Gelb Berghahnenfuß (Ranunculus montanus) und Echte Primel (Primula veris), die sich durch das kräftige Gelb von der verbreiteten blassgelben Schlüsselblume (Primula eliator) unterscheidet.
Berg-Hahnenfuß, Ranunculus montana
Echte Primel, Primula veris
Man muss freilich genau hinschauen, denn die Blüten sind oft noch winzig im graubraunen alten Gras der extensiven Weideflächen. Aber einmal entdeckt erschließen sich dem Auge zahllose Farbtupfer: das Wunder des Frühlings. 26. 04. 2020
Kleine Nachlese zur Wanderung des Arbeitskreis Heimische Orchideen, Regionalgruppe Allgäu
Frühlings-Krokus
Mehlprimel
Kaum ist der Schnee verschwunden, schieben sich Soldanellen und Krokus aus dem Boden. Der Arbeitskreis Heimische Orchideen, Regionalgruppe Allgäu, konnte bei seiner botanischen Wanderung auf dem Oberjoch noch zahlreiche andere Kostbarkeiten entdecken: Frühlingsenzian, Clusius-Enzian und Mehlprimeln leuchten um die Wette, der Bergwegerich (Plantago atrata) streckt seine schwarzen Köpfchen in die Höhe und das erste durchblätterte Läusekraut blüht.
Frühlings-Enzian
Clusius-Enzian
Und für Orchideenfreunde besonders wichtig: die kleinen Orchideen stehen schon in den Startlöchern. Wegen der Schnee- und Wetterlage wanderten wir nicht so hoch hinauf wie geplant sondern blieben auf talnahen Wiesenwegen wie der alten Salzstraße. Es hat sich gelohnt! Der Bergfrühlings beginnt. 25.05.2019